Stephanie Pinkowsky

Stephanie Pinkowsky

Helenes Entscheidung

Hinweis: Es handelt sich um eine Bonusgeschichte! Diese Szene ist in keinem der Romane enthalten.

 

  • Helene-und-Katja-Splitter

Gezeichnet von: Alina Moher

Helene hielt sich den Bauch. Ihr war speiübel, doch selbst Würgen war zu schmerzhaft. Die Erinnerung an Marks gebrochene Augen, die Enttäuschung und seine Wut verursachten ihr Herzstiche. Die Schauspielerin nahm fast nur wie durch einen dichten Nebelschleier wahr, dass sie zu hyperventilieren anfing. Die stickige Luft des Hotelzimmers drang nicht bis in ihre Lunge, sondern blieb in ihrer Kehle stecken. Ihre Beine gaben nach, sie sank weinend auf die Knie. Sie lehnte ihre Stirn gegen den kalten Heizkörper. Mark hatte sie verlassen. Endgültig und zu Recht. Sie war nicht in der Lage gewesen, ihm etwas zu erklären. Nichts, was sie hätte sagen können, würde den Verrat mildern. Er war von den beiden Menschen betrogen worden, die er am meisten liebte. Sie hätte zu ihm gehen sollen, noch bevor die Katastrophe begann. So oft war sie kurz davor gewesen, Mark ihren Kummer anzuvertrauen. Vielleicht hätten sie als Familie eine Lösung gefunden! Doch die Worte wollten ihr einfach nicht über die Lippen kommen, Scham und Reue waren zu groß. Außerdem musste sie Katja schützen. Und Tante Emilie. Und Onkel Richard. Ihr Onkel würde nicht mehr als seriöser Geschäftsmann agieren können, ihre Tante würde von den Nachbarn gemieden. Ganz zu schweigen von Helenes eigener Karriere und der Zukunft ihrer Geliebten. Helene hatte so lange Zeit dagegen angekämpft, doch letztendlich verloren. Die junge Frau weckte irgendetwas in ihr, das nicht einmal Mark zu entflammen vermochte. Die Erinnerung an die gemeinsame Nacht in Paris ließ Hitze in Helenes Wangen steigen. Ihr Unterleib zog sich unwillkürlich zusammen, wofür sie sich augenblicklich schämte. Es war ihr erstes Mal mit einer Frau gewesen, aber daran lag es nicht. Es war eine andere Art der Nähe und Vertrautheit, die zwischen ihnen herrschte. Katja gehörte zu ihr, unwiderruflich. Helene schüttelte sich, wohl bewusst, wie krankhaft diese Gedankengänge waren. Doch nun war es zu spät. Es gab kein Zurück mehr. Ihr Herz klammerte sich nun verzweifelter denn je an ihre Geliebte. Sie würden ihre Liebe niemals offen leben können. Alles, was sie sich geben konnten, waren gestohlene Nächte und heimliche Leidenschaft. Sie seufzte. War es das, was sie sich für Katja wünschte? War es das, was Helene selbst wollte?

Ein lautes Klopfen riss sie aus ihren Gedanken. Sie schaute auf ihre silberne Armbanduhr. Ihr Blick war noch tränenverschleiert, sodass sie die Zeiger kaum erkennen konnte. War es wirklich schon acht? Die Schauspielerin trocknete sich notdürftig die Tränen. Als sie die Tür öffnete, stand Katja vor ihr. Sie hatte sich das kastanienbraune Haar zu Locken gedreht, die ihr verführerisch über die nackten Schultern fielen. Sie trug ein schulterfreies, weißes Sommerkleid. Helene schaute in die smaragdgrünen Augen ihrer jungen Geliebten. Es waren Marks Augen, ebenso wie die dunklen Haare. Aber die weichen Gesichtszüge und die hohen Wangen waren Helenes Erbe. Ganz verlieren konnte sie ihre erste Liebe gar nicht, in Katja lebte ein Teil davon weiter. Der Gedanke war ebenso beängstigend wie tröstlich.

„Du hast geweint.“ Die junge Frau streckte ihre Hand aus und legte diese sanft auf Helenes Wange. „Er hat dich verlassen, nicht wahr?“

Helene nickte traurig und hilflos. „Das hätten wir ihm nicht antun dürfen!  Er war doch …“ Katja zuckte zusammen, Helene verstummte. Sie wusste, dass ihre Geliebte darüber nichts hören wollte. Es durfte nicht ausgesprochen werden, dabei hätte Helene ihr so gerne von dem Abend erzählt, als sie Mark begegnete. Die Party bei Onkel Richard, der Champagner, die kühle Frühlingsnacht und die Hitze ihres ersten Kusses. In einem anderen Leben schien das gewesen zu sein. Katja schwieg, sie schaute Helene fest in die Augen.

„Ich will nicht, dass du an ihn denkst, wenn du mit mir zusammen bist.“

„Aber Katja, was verlangst du da von mir? Wie soll ich nicht an Mark denken, wenn ich dich ansehe?“

Die junge Frau schluckte hart, doch sie blieb gefasst. Sonst war Helene die rational denkende Persönlichkeit von beiden; und Katja getrieben von emotionalen Gefühlsausbrüchen. Doch dieses eine Mal schienen sich die Rollen vertauscht zu haben.

„Dein Problem ist, dass du dich nicht entscheiden kannst. Du wolltest beides, mich und ihn. Ich hingegen würde alles tun, um mit dir zusammen sein zu können. Ich würde mich sofort scheiden lassen, wenn du es verlangst. Du hättest nichts freiwillig aufgegeben, niemals etwas für mich riskiert.“

„Jetzt wirst du unfair!“ Helenes Stimme bebte.  „Ich riskiere alles für dich! Was meinst du, was mich unser Verhältnis kosten kann, sollte es jemals ans Tageslicht kommen?“

„Deine Karriere? Meine Güte, du hast doch genug Geld! Dein Ruf? Ist dir dein guter Name wichtiger als ich? Was macht es schon, wenn alle Menschen dich hassen, so lange ich dich liebe?“

Katja trat einen Schritt vor, sodass ihre Gesichter nur noch wenige Zentimeter voneinander entfernt waren. Sie spürte Helenes warmen Atem, der angenehm auf ihrer Wange kribbelte. Beinahe hätte sie dem Verlangen nachgegeben, doch die junge Frau trat einen Schritt zurück und hielt ihre Geliebte auf Armeslänge von sich.

„Ich bin kein Andenken, damit du die Erinnerung an ihn wachhalten kannst. Solange du um ihn trauerst, kann ich das hier nicht.“

Katja konnte kaum glauben, dass sie diese Worte tatsächlich aussprach. Noch vor wenigen Jahren hätte alles getan, um Helene nahe sein zu können und sich komplett nach den Bedingungen ihrer Geliebten gerichtet. Doch heute war sie kein vom Liebeswahn besessenes Mädchen mehr, das heulend Tagebuch schrieb. Nun war sie eine erwachsene Frau, souveräner und mit einer gewissen Portion Stolz. 

„Du bist es, die ich will“, versicherte Helene und umfasste zärtlich Katjas Hand. Ihre Gesichter näherten sich wieder.  „Ich werde den Fehler, mich zu spät zu entscheiden, nicht noch einmal machen.“


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Bildnachweise:

Diese wunderschöne Zeichnung von Helene und Katja hat meine Autorenkollegin und Künstlerin Alina Moher für mich angefertigt.

Website:  https://www.alina-moher.at/

Facebook: Alina Moher