Seelensplitter RomanWelten

Stephanie Pinkowsky

Leseprobe

Seelensplitter – Zwischen Schuld und Begehren



Auszug aus Kapitel 13 - Mark erfährt die Wahrheit

Helene ging nervös im Wohnzimmer auf und ab, die Minuten dehnten sich zur Ewigkeit. Es war kurz nach halb acht, ihre Nerven fühlten sich zum Zerreißen gespannt an. Die junge Schauspielerin versuchte, sich die Worte zurechtzulegen, und spielte das bevorstehende Gespräch mit Mark immer wieder vor ihrem geistigen Auge ab. Sie war schwanger geworden und hatte ihm das Kind vorenthalten. Nüchtern betrachtet unverzeihlich, aber vielleicht gelang es ihr, ihm ihre innersten Beweggründe zu erklären? Würde der Mann, den sie noch immer liebte, diese Gründe verstehen? Wie sähe die Zukunft aus? Ob Katja ihn akzeptieren oder gar mögen wird?

Das Klingeln riss sie aus ihren Gedanken. Helene schaute auf die Überwachungskamera, um sicherzugehen, dass es sich bei dem Besucher tatsächlich um Mark handelte. Dann betätigte sie einen Schalter, damit das Tor sich öffnete. Wenig später stand er vor ihr. Mittlerweile war er Mitte fünfzig. Er hatte noch immer dunkles, volles Haar, doch der Ausdruck in seinen grünen Augen hatte sich verändert. Mark schaute ernster und erschöpfter, als früher. Helene glaubte außerdem, nun ein paar mehr feine Linien auf dem Gesicht des vielbeschäftigten Geschäftsmannes zu erkennen. Doch all dies tat seinem Charisma und der Anziehungskraft keinen Abbruch.

Sie atmete tief durch. »Komm herein.«

»Helene.« Mark nickte, trat ein und schaute sich im Flur um. »Ich kann dich nur beglückwünschen.« Sein Blick wanderte zur hölzernen Vitrine, in der zahlreiche Auszeichnungen standen. Er sah goldene Rehe und Kameras, den Deutschen Fernsehpreis und noch einiges mehr, was der Mittfünfziger nicht auf Anhieb zuordnen konnte.

»Wozu?«, brachte sie stockend hervor.

»Zu deiner Arbeit, zu dem Erfolg.« Er deutete auf ihre Preise.

»Katja ist davon weniger beeindruckt.« Sie flüsterte beinahe und rieb nervös ihre Hände aneinander.

Mark schaute sie irritiert an.

»Sie sagt, der Oscar fehlt …«, erklärte Helene mit einem Seufzen. »Ich hatte schon Angebote aus Hollywood, aber habe bisher abgelehnt.« Sie zwang sich, ihm in die Augen zu schauen. »Doch du bist gewiss nicht hier, um mit mir über das Showbusiness zu plaudern.«

Auch Mark wurde wieder ernst, seine Mimik verfinsterte sich. »Damals im Auto …«, fing er an. »War es das, was du mir sagen wolltest?«

Helene senkte ihren Blick kurz, ehe sie ihm antwortete. »Ja.« Ihre saphirblauen Augen füllten sich mit Tränen. »Ich war in der neunten Woche. Aber du hast mir ja sehr deutlich zu verstehen gegeben, dass es zwischen uns aus ist. Also habe ich geschwiegen.«

»Verdammt nochmal!« Der dunkelhaarige Mann schlug mit der Faust gegen die Wand, schien den Schmerz jedoch nicht zu spüren. »Das kann doch nicht dein Ernst sein! Es geht hier um ein Kind, um meine Tochter.«

»Hättest du dich überhaupt um sie gekümmert?«, entgegnete die junge Frau spitz. »Dafür müsstest du erst einmal Anita alles beichten!«

»Es gibt immer eine Lösung! Aber ich wusste ja nicht rechtzeitig Bescheid.«

Helene gab ein herablassendes Schnauben von sich, ihre Wangen röteten sich vor Wut. »Du hättest mich postwendend zu einem Arzt deiner Wahl geschleppt?«, mutmaßte sie. »Damit er das Problem ganz diskret löst?«

»Wahrscheinlich schon«, räumte Mark ein und hämmerte erneut mit der Faust gegen die Wand. »Aber nun bin ich Vater einer Tochter. Einem elfjährigen Mädchen, das ich nur einmal gesehen habe. Im Fernsehen, zur besten Sendezeit, in deiner Show!«

Er wandte sein schmerzverzerrtes Gesicht von seiner ehemaligen Geliebten ab und starrte reglos an die Wand. Helene sah, dass er litt. Sie näherte sich ihm langsam von hinten und legte eine Hand auf Marks Rücken.

»Katja ist ein tolles Mädchen«, flüsterte sie. »Unsere Tochter ist sehr klug, aber sie kann manchmal auch recht stur sein. Sie hat ihren eigenen Kopf.«

Helene legte nun die zweite Hand auf seine Schulter, er drehte sich zu ihr um. »Genau wie ihre Mutter«, flüsterte er. Sie löste ihre Berührung nicht, und Mark zog sie schließlich nach einigem Zögern an die Brust. Die junge Schauspielerin hörte seinen Herzschlag.

»Es tut mir leid«, hauchte sie. »Ich war so verzweifelt.«

Er strich ihr vorsichtig über die Wange. »Wir können die Zeit nicht zurückdrehen, aber in Zukunft will ich Anteil an dem Leben meiner Tochter haben. Natürlich, sofern Katja das auch möchte.«

Helene schluchzte vor Erleichterung und hielt seine Hand an ihrer Wange fest. Der Geschäftsmann schaute in die saphirblauen Augen und verlor sich darin. Aus dem hübschen Mädchen von einst war eine erfolgreiche, selbstbewusste Karrierefrau geworden, was ihre Anziehungskraft nur noch verstärkte. Helenes Zauber zog ihn erneut in ihren Bann, genauso wie in jener kühlen Frühlingsnacht vor so vielen Jahren. Er hielt sie in den Armen und atmete ihren Duft. Ihre zarten Lippen streichelten seine Wange, leise seufzte sie seinen Namen. Ihre Münder näherten sich und schließlich gaben sie sich einem leidenschaftlichen, nicht enden wollendem Kuss hin, getrieben von Sehnsucht und Schmerz.

*

 

»Wie erkläre ich es bloß Katja?«

Helene spielte die Szene in Gedanken in verschiedenen Varianten mehrmals durch, doch sie kam zu keinem Ergebnis. Ihre nächste Sorge galt der Presse. Bisher war ihre Karriere skandalfrei. Sie hatte nie mehr von sich preisgegeben als nötig, bei den wenigen Interviews kaum über Privates, sondern immer nur von ihrer Arbeit gesprochen. Selbst das Familieninterview war im Grunde nichtssagend gewesen. Helene mochte sich gar nicht vorstellen, wie die Medien sie zerfetzten, sollte die Geschichte ihrer damaligen Affäre bekannt werden. Sie zwang sich, das erst einmal beiseite zu schieben und Ruhe zu bewahren.

Als Katja am Nachmittag nach Hause kam, schien sie zu spüren, dass etwas geschehen war.

»Du hattest mir versprochen, dass du dir dieses Wochenende endlich mal Zeit nimmst!«, warf sie ihrer Mutter erneut vor. »War der blöde Termin denn so wichtig?«

»Es tut mir wirklich leid«, entschuldigte sich Helene. »Wir holen das nach, ganz bestimmt.«

Katja schaute sie skeptisch an. »Das sagst du immer!«

»Setz dich bitte, ich muss mit dir reden.«

Die Elfjährige gehorchte.

»Du weißt doch noch, worüber wir neulich gesprochen haben?«

Das Mädchen nickte. »Über meinen Vater.«

»Ja, über deinen Vater.« Helene fasste die Ereignisse des letzten Nachmittags so kindgerecht wie möglich zusammen, wobei sie die Liebesnacht natürlich aussparte. Ihre elfjährige Tochter sah sie verständnislos an.

»Heißt das, er wohnt jetzt bei uns?« Das Mädchen verschränkte die Arme und Helene vernahm einen seltsam verzweifelten Unterton in der Stimme. Sicher, sie hatte damit gerechnet, dass Katja erst einmal verstört sein würde. Doch diese ablehnende Haltung überraschte sie zutiefst, zumal ihre Tochter oft nach ihrem Erzeuger gefragt hatte.

»Ist das nicht toll? Wir wären dann endlich eine richtige Familie, du hättest einen Vater.«

Katjas Unterlippe begann nun zu beben, in ihren Augen sammelten sich Tränen.

»Liebes, was hast du denn plötzlich?« Sie streckte eine Hand aus, um ihre Tochter zu trösten, doch diese wehrte die Berührung wütend ab.

»Lass mich!«, fauchte sie.

Helene zog daraufhin ihren Arm erschrocken zurück. Katja konnte mit Worten nicht erklären, warum sie sich so verletzt, ja gar verraten fühlte. Eine beklemmende Regung breitete sich in ihrem Magen aus. Dieses Gefühl hatte sie schon öfter beschlichen. Es war eine Art Instinkt, ein Bauchgefühl, welches sie inständig beschwor, von ihrer Mutter Abstand zu nehmen.

»Wenn er jetzt hier einzieht, dann brauchst du mich doch nicht mehr!«

Helene zuckte zusammen. »Wie bitte? Wie meinst du das?«

Katja bemühte sich, mit fester Stimme zu sprechen, sie schob trotzig die Unterlippe vor. »Ich will wieder bei Tante Emilie und Onkel Richard leben, und zwar ganz!«

»Aber warum denn?« Die junge Mutter begriff noch immer nicht.

»Weil du jetzt ja meinen Vater hast«, erklärte das Mädchen entschlossen. »Du liebst ihn doch sowieso viel mehr als mich.« Sie schluchzte. »Du hast alle anderen lieber als mich!«

»So ein Unsinn!« Helene war fassungslos. »Das ist nicht wahr! Wie kannst du so etwas nur zu mir sagen? Ich habe dich sehr lieb und ich möchte, dass du hierbleibst.«

Katja schüttelte den Kopf. »Nein, Helene.« Sie nannte sie bewusst beim Vornamen, erhob sich und ging in ihr Zimmer. Sie schloss die Tür ab und achtete darauf, nur ganz leise zu weinen, während sie ihre Koffer packte.

Das Mädchen war ehrlich zu seiner Mutter gewesen, doch eines hatte Katja verschwiegen. Die Vorstellung, sie jetzt nicht nur mit den Medien und den Fans, sondern nun auch jeden Tag mit einem Mann teilen zu müssen, war für die Elfjährige unerträglich. Sie hatte sich zwar gewünscht, ihren Vater kennenzulernen, aber sie wollte doch nicht, dass er wieder mit ihrer Mutter zusammenlebte! Die Intensität dieser Eifersucht erschreckte sie selbst so sehr, dass sie sich damit nicht auseinandersetzen wollte, lieber verschwand sie aus Helenes Leben. Irgendetwas Seltsames ging in dem Mädchen vor und es beängstigte es zutiefst. Sie wusste nicht, was es war, das Helene in ihr auslöste. Aber dieses gesichtslose Etwas war Katja feindlich gesonnen, es war etwas Schlechtes. Und es war mächtig.



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